Heimkehr nach Morioka [Rezension]

 


"Mit Sorgfalt gefertigt, fürs Leben gemacht" 




Titel: Heimkehr nach Morioka
Originaltitel: Kumo wo tsumogu (Spun from the Clouds)
Autor: Yuki Ibuki
Übersetzung: Aus dem japanischen von Charlotte Scheurer
Verlag: Insel
Seiten: 412
Erscheinungsjahr: 2026 (2020)
ISBN: 978-3-458-64572-6
Genre: Roman des Lebens
Art: gebundener Einband



"Färben, spinnen, weben. Es ist ein Handwerk, das einem Gebet ähnelt und das seit Urzeiten überall auf der Welt praktiziert wird.
(S.70) 

 

" Das Geräusch des Fernsehers drang aus der Küche nebenan. Anscheinend hatten die Hortensien in der Stadt ihre volle Blüte erreicht.






Seit die 17-jährige Mio in der Schule gehänselt wird, lebt sie zurückgezogen und einsam in ihrem Kinderzimmer. Einzig tröstend ist der große rote Schal ihrer verstorbenen Großmutter, der ihr das Gefühl von Geborgenheit gibt. Und dann sind da noch die Fotos aus der ländlichen Präfektur Iwate, aus der ihre Familie stammt und in der ihr Großvater bis heute eine Weberei führt. Als Mio es in ihrem Zimmer nicht mehr aushält, flieht sie heimlich zu ihm und erlernt dort die Kunst des Webens. Zwischen grünen Hügeln, weidenden Schafen, bunten Ballen aus Wolle und Garn und den zugewandten Menschen, die sie dort trifft, findet Mio endlich wieder zu sich selbst.

"Die Blicke anderer Menschen verunsicherten sie. Sie ertappte sich stets dabei, wie sie in ihren Gesichtern nach Anzeichen von Missfallen suchte. Wenn sie dann ein Lächeln aufsetzte, um ihr Gegenüber wohlwollend zu stimmen, blieb es ihr permanent auf den Lippen haften. Mio war sich sicher, dass das furchtbar unnatürlich und bizarr aussehen musste. Das Problem lag im Endeffekt also bei ihr...
(S.17)




Ich bin in eine Welt abgetaucht, die mir vorher noch total verborgen war und ich habe es mit jeder Seite genossen. Ich liebe es, wenn ich nicht nur unterhalten werde, sondern auch viel über eine Kultur und ein Nischenthema, wie hier die Wollmanufaktur, lerne. Ich würde behaupten, dass der Schreibstil an Authentizität kaum zu überbieten ist und die Figuren nicht an Tiefgang missen lassen. Ich habe alles plastisch vor mir gesehen ohne nie selbst an den Orten gewesen zu sein.

Ja, die Protagonistin hätte einem mit ihrer Art sicher auf die Nerven gehen können, ist sie aber nicht. Ich liebe es, wenn sie nicht den klassischen Prototyp verfolgen ohne aufgesetzt zu wirken.

Das Highlight sind hier sicherlich die detaillierten Beschreibungen von Farben, der Landschaft und der Arbeitsschritte. Selten habe ich so viel Liebe zwischen den Zeilen erlesen.
Manch einer wird vielleicht sagen, angesichts der langen Kapitel und der völlig eigenen Geschwindigkeit der Erzählung, dass es langatmige Züge aufweist. Dem habe ich aber nicht so empfunden.

Allerdings sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass manche Formulierungen für etwas Verwirrung gesorgt haben und auch die Erzählperspektive hier und da ungewohnt allwissend erschien, dass ich an den Seiten z.B. vermerkt habe: "Woher will er das wissen?" Ich verbuche diese seltenen Stolpersteine als Produkt der Übersetzung und der Differenzen der japanischen und der deutschen Erzählkunst. Sie haben mich gar nicht gestört, sondern im Gegenteil bin ich für diese hochinteressanten Einblicke sehr dankbar. Manch einem wird es vielleicht auch gar nicht auffallen.





"Sobald die lose, wirre Wolle mit seinen knöchernen Fingern in Berührung kam, wurde aus ihr schönes, strahlend weißes Garn.  

Ihr war, als würde sich etwas Lebendiges an Taichis Finger klammern und zunehmend den eigenen Körper verdrehen. 

'Als ob sie lebt...'" 

(S.121)

 



Eine alte Seele in eine moderne Erzählung verpackt...

 

"Vielleicht war doch noch nicht alles verloren, wenn es Menschen gab, die sich so sehr darüber gefreut hatten, dass sie auf die Welt gekommen war, dachte sie sich dann."
(S.12)





"Doch was hilft es, sich darüber den Kopf zu zerbrechen? Auch wenn die Rohwolle nach dem Waschen nicht ganz so weich ist wie erhofft, bleibt einem nichts anderes übrig, als damit zu arbeiten und etwas daraus zu machen.
(S.186) 







"Er hatte ihr warmen Apfelsaft mit Zimt gemacht."  
(S.48)

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"Die Brillanz des roten Stoffes ließ Hiroshi schlucken. Selbst nach siebzehn Jahrenglich die strahlende Farbe lodernden Flammen. Gleichzeitig verlieh die für Wolle typische weiche Textur dem Stoff eine gewisse Zartheit.
(S.59)


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"Weinrot, Rosa, das ins Violette ging, Lavendel - etliche Farben türmten sich am Horizont auf und überlagerten sich. Darüber erstreckte sich kristallklares Hell- und Dunkelblau.
(S. 89)


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"Die zarte Röte auf ihren Wangen verlieh ihrem Gesicht eine Frische, die sie unheimlich hübsch aussehen ließ .
(S.94)


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"Manchmal ist sie zu hart. Schafe sind wie Menschen - sie haben ihren eigenen Körperbau, ihr eigenes Temperament. Diese individuellen Unterschiede zeigen sich auch in der Wolle.
(S.125)


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"Wenn man ein Kind, das jeden Tag als reine Qual empfindet, bis an seine Grenzen treibt, verschwindet es.
(S.181)


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"Wenn es einen Grund gibt, dann geh. Wenn nicht, musst du nicht unbedingt einen finden.
(S.186)


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"Nachdem man sich anhört, was das Gegenüber zu sagen hat, muss man auch bereit sein, Kompromisse einzugehen. Wenn das nicht gegeben ist, kann man es auch gleich bleiben lassen. Sonst sind das alles doch nur leere Worte.
(S.239)


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