Die Enthusiasten [Rezension]

 




"Die Wirklichkeit wird erst in unserem Blick geboren, Vince." 




Titel: Die Enthusiasten
Autor: Markus Orths
Verlag: Galiani Berlin
Seiten: 367
Erscheinungsjahr: 2026
ISBN: 978-3-86971-330-4
Genre: Roman des Lebens
Art: fester Einband


"Jedes Buch braucht einen ersten Satz. Eine Knospe, die das ganze Buch schon in sich birgt.
(S.360f.) 

 

"Sie schaute mich an. Ich schaute zurück. Ich nickte im Gruß. Sie grüßte mich nicht. 





Ein erzählerisches Feuerwerk über eine ziemlich besondere Familie, bei der Bücherplateaus von der Decke hängen und in der Geschichte zum Leben erweckt werden. Und über drei Geschwister, die eine innige Liebe verbindet und ein großer Verlust.

Was haben ein besessener Laurence-Sterne-Fan auf der abenteuerlichen Jagd nach dem angeblichen zehnten Band von Tristram Shandy , eine Teilchenforscherin, die abgeschirmt von kilometerdicken Felswänden über Jahre versucht, Dunkle-Materie-Teilchen zu erlauschen, ein Kino-Enthusiast, der abgefahrene Experimentalfilme ausheckt, eine nordenglische Kleinstadt und ein sensationeller Fund gemeinsam?

Sie kommen in »Die Enthusiasten« vor, dem wahrscheinlich turbulentesten und gewagtesten Roman seit Langem, der auf halsbrecherische Weise die Grenzen dessen auslotet, was Erzählen kann und was menschengemachte Kunst ist. Auch dabei: eine rätselhafte Thailänderin, eine unendlich liebenswerte, lesebesessene und eigensinnige Mutter, die spurlos verschwindet, und ein Vater, der ausschließlich auf nie dagewesene Fragen antwortet.

"Ich muss Sie fesseln, weil das Buch mich fesseln wird.
(S.323) 




Ich denke nicht, dass es notwendig war, mit niedrigen Erwartungen an dieses Buch heranzutreten um so positiv überrascht zu sein wie ich es nun bin. Aber es hat definitiv geholfen.
Auf so vielen Ebenen (ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll) hat es meinen Horizont erweitert. Es spricht einfach meine Sprache. Ich habe jeden Satz förmlich inhaliert, aus Genuss zwei- oder dreimal gelesen und auf fast jeder Seite etwas für mein Gewissen unterstreichen müssen. Ich habe so unfassbar große Lust, dieses Werk mit meiner Oberstufe zu lesen.
Am interessantesten ist es aber gewiss aus erzähltheoretischer Perspektive: So herrlich selbstbewusst werden die Leser hier in die Irre geführt und das eigene Erzählen parallel auf einer Metaebene betrachtet. Ich liebe dieses Kribbeln im Kopf, wenn Autoren genau das bewerkstelligen und hier scheinen wir einen Meister am Werk zu haben.
Die dritte Ebene, die ich hervorheben will, ist die der intertextuellen Verweise. Ich habe mich selten so unterhalten und gleichzeitig belehrt gefühlt. Der Aufhänger um Tristam Shandy hat mich neugierig gemacht und ich habe noch nach der Lektüre viel Zeit mit Recherchen verbracht, auch um die Unzuverlässigkeit des Erzählers an manchen Stellen zu entlarven.
Was mich aber am meisten überrascht hat, ist, wie oft mich das Buch trotz oder manchmal auch wegen seiner Hochgestochenheit zum Lachen gebracht hat. Es war einfach manchmal zu komisch!
Ich muss aber auch sagen, dass ich vermutlich zu einhundert Prozent in das Beuteschema des Buches gepasst habe.
Trenets La Mer



"Doch wieso gibt es sie, all die Mütter, die verschwinden, aber niemals verschwinden werden?" 

(S.245)




Ein absoluter Genuss in vielerlei Hinsicht!

"Und jetzt stehen die Autoren und Autorinnen alle naselang aus ihren Gräbern auf wie die Zombies und fressen sich selber, schlagen die Zähne in ihre eigenen Biographien."
(S.261)





"Die Jährchen segelten zu Boden und verfaulten leise.
(S.67)




"Künstler sind Menschen, die haarscharf an der Wirklichkeit vorbeizielen und sie dadurch ganz genau treffen.
(S.354)


"Der Künstler zieht den Kürzeren. Sein Grab ist geschaufelt: Vom Forscher.

(S.332) 


"Du weißt ja, jede Idee, die es zu etwas bringt, hat eine Heldenreise hinter sich.

(S.286) 


"Ein Joghurt frisst den Kuchen immer von der Fähe aus.

(S.283)

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