Autor: Robert Seethaler Verlag: Claassen
Seiten: 230 Erscheinungsjahr: 2026 ISBN: 978-3-546-10033-5 Genre: Roman des Lebens, zeitgenössische Literatur, moderner Klassiker, Fragment Art: fester Einband
"Jede Stunde ist eine Stunde des Abschieds. Er ist mein Kind, aber ich kann ihn nicht zurückhalten. Solange er es möchte, werde ich für ihn kochen, seine Kleider waschen und ihm wenn nötig das Blut aus dem Gesicht wischen. Eines Tages wird auch das vorbei sein. Der Mensch ist allein, verstehen Sie das?"
"Der Junge spannt das Gummiband. "
Die Straße ist nicht im Zentrum der Stadt und nicht an ihrem Rand. Versteckt liegt sie irgendwo dazwischen. Kein Besucher würde sich dorthin verirren, und doch passiert in ihr alles, was Menschen passieren kann.
Ein Junge wird vom Jagdfieber gepackt. Ein anderer weiß nicht, wohin mit seiner Wut. Eine Blumenhändlerin lebt für einen Mann, der sie nicht einmal sieht. Eine Heimleiterin wacht über ihre Schützlinge und ist selbst die Einsamste von allen. Ein Geistlicher kommt seiner Gemeinde abhanden. Sorge rüttelt an den Bewohnern, Sehnsucht treibt sie nachts auf die Straße, die Liebe bringt sie um den Verstand. Sie haben Träume und Geheimnisse. Ihre Wege kreuzen sich täglich, doch was wissen sie voneinander?
"Wenn man die Dinge nur lange genug anschaut, offenbart sich mitunter eine Schönheit, die hinter jeder Fassade und somit jenseits unserer Vorstellungskraft liegt."

Viele, die zu diesem Roman greifen, werden bereits vertraut mit dem Schreibstil Seethalers sein - so weit ich weiß, war es für mich aber die erste Leseerfahrung mit dem Autor. Ich verstehe jetzt, warum es für viele eine polarisierende Art zu schreiben ist: Spezielle Schreibstile wie dieser sind rar gesäht (man mag es oder man mag es nicht). Ich mag es, muss aber zugeben, dass ich mich so gefühlt habe, als würde ich mit jeder Seite ein bisschen tiefer in einem Sumpf feststecken und die zwischenzeitliche Hoffnung, wieder rauszufinden, wird immer wieder ertränkt. Ob ich mich am Ende befreien konnte, ist fragwürdig, aber man findet sich an dem Wirrwarr aus Mehrdeutigkeit und Leerstellen immer besser zurecht. Aber: ich habe ewig gebraucht! Eine wirklich hilfreiche Stütze haben die mitunter sehr kurzen Abschnitte dargestellt, richtige Kapitel gibt es ja nicht. Die Thematik strotzt erst einmal nur so an Originalität, ist aber auf einen zweiten Blick nur der Aufhänger für ein tiefgreifendes zeitgenössisches Gesellschaftsporträt am Exempel einer fiktiven Zusammenstellung von Charakteren, die alle mit einer bestimmten Straße zu tun haben. Betrachtet man es auf diese Weise, dürfte der nüchterne und dem Realismus nacheifernde Erzählstil passend gewählt erscheinen. Im Detail liegt hier der Genuss - Höhenflüge auf einer Spannungskurve sollten nicht erwartet werden.
"Ich sag dir, ich mach das nicht mehr lange mit. Irgendwann stelle ich mich auch unter den Mond und zeig der Welt meinen Arsch." (S. 132) Walzer von Jericho Pet Sounds ~Beach Boys
"...obwohl ich sie erst zweimal im Treppenhaus gesehen habe, glaube ich sie zu kennen. Nein, ich bin mir sicher! Ich kenne sie und weiß nichts von ihr und denke an sie, heute und morgen und an jedem anderen Tag..." (S. 41)
Erst noch träge, doch dann nimmt es an Fahrt auf. Es ist mir letztendlich ziemlich nah gegangen! "Wenn man nicht aufpasst, wird ein Bücherregal in der Nacht zum Komposthaufen."
 
"Man sollte sich schämen.
"Wer nichts hat, kann in Büchern alles finden. "
"Man kann nicht gleichzeitig kauen und denken. Alles hängt mit allem zusammen, nichts steht für sich allein. "
(S.13)
"Aus der Hütte ist nichts geworden, mein Vater ist tot und seine Bretter werden nun andere Träume tragen. "
(S.19)
"Einschlafen ist leicht, man muss aber auch mit reinem Gewissen aufwachen können. "
(S.29)
"Am frühen Nachmittag vergilbt der Himmel. "
(S.43)
"Im Winter ist alles schrecklich. Mit dem ersten Schnee sinkt einem die Kälte ins Herz. "
(S.44)
"Wir sind doch eine zivilisierte Gesellschaft. Man wird nicht einfach Menschen auf die Straße setzen, nur weil es dem Gesetz entspricht. Das Gesetz ist bloß eine Vereinbarung der Gemeinschaft, und die Gemeinschaft sind wir, oder etwa nicht?"
(S.88)
"[...]in dem kleinen Stück Himmel im Türrahmen erscheinen die Sterne."
(S. 91)
"Meine Krankheit heißt Einsamkeit, Herr Doktor."
(S. 105)
"Wenn alle auf ausgetretenen Wegen latschen, wird nichts dabei rumkommen."
(S. 109)
"Sie starb, als sie gerade anfing zu lächeln. Und das ist wahrscheinlich unser einziger Trost."
(S. 112)
"Mir waren Blumensträuße immer verdächtig. Wenn so ein Sträußchen im Spiel ist, ist die Liebe entweder noch nicht da oder schon wieder am Verschwinden. Mir ist es lieber, wenn der Mann duftet, nicht die Blumen."
(S. 127)
"Wo kein Schaden ist, kann es auch kein Unrecht geben."
(S. 133)
"Die Freiheit ist bloß eine Chimäre."
(S. 137)
"[...] und heute: ein strahlender blauer Morgen - und der unbändige Wunsch. auf der Straße zu tanzen..."
(S. 148)
"Nur abends, im traurigen Bett, allein mit seinen Gedanken, bleibt der Mensch sich gleich."
(S. 152)
"Schau doch nur, wie aus dem Wasserstrahl ein Regenbogen wächst. Darüber trudeln schwarze Flocken. Selbst in den Augen des Teufels spiegelt sich die Schönheit der Welt."
(S. 162)
"Der Tag ist nur die Erholung von der Nacht."
(S. 169)
"In die Stirn eines Menschen schreibt sich das Leben ein. Irgendwann steht alles drin, was ihn ausmacht."
(S. 179)
"Ja, ich übertreibe. Ich übertreibe, weil ich die Wahrheit sage. Die Wahrheit ist heutzutage nur noch eine Übertreibung."
(S. 182)
"Namenlosigkeit steht für Machtlosigkeit."
(S. 187)
"Die Liebe ist eine brutale Angelegenheit."
(S. 189)
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